PROVENCE MYSTIQUE

Geistliche Gesänge des Mittelalters


The French media review Télérama has given its highest rating ffff to this Erato CD by Camerata's Anne Azéma and friends. Quoth the Télérama reviewer:

"The performance by Anne Azéma and her associates is seductive. The voices are beautiful and generous, with just the right touch of sensuality and warmth that has for too long been absent in this kind of ensemble; the instrumentation is ingenious."

Provence Mystique, a compelling and beautiful program of sacred songs from medieval France and Spain, is now available as well in the United States.

Anne Azéma, Gesang
Kit Higginson, Psalterion - Flöte
Shira Kammen, Fiddel - Harfe

I AUDI HOMO

Audi tellus
Anonym


II LO FRUGZ DE SABER

Ar levatz sus, francha corteza gens !
Text: Peire Espanhol (12. Jahr.)
Musik: nach Gaucelm Faidit (c.1150-c.1220)

Clara sonent organa
Anonym, aus Aquitanien

Tantost com fon al loc vengutz
Anonym: Planctus Beate Marie
Provenzalisch (13. Jahr.)

Vexilla Regis
Text: Venance Fortunat (?-609)
Musik: Gregorianisch

Dels quatre caps que a la cros
Text: Peire Cardenal (c.1180-c.1278)
Musik: Jaufré Rudel (c.1125-c.1148)


III ROMA TRICHAIRITZ

D'un sirventes far
Text: Guilhem Figueira (c.1215-c.1240)
Musik: nach Peire Vidal (active 1180-1205)

Una ciutatz fo
Text : Peire Cardenal
Musik : aus Cantiga de Santa Maria Nr. 45 von Alfonso el Sabio (1221-1284)

IV CUM MELODIS ORGANO

Dona, Maire del salvador
Anonym, Planctus Beate Marie
Provenzalisch (13. Jahr.)

Flore vernans gratie
Anonym, aus Aquitanien

En bon ponto
Cantiga de Santa Maria Nr. 363
Alfonso el Sabio (1221-1284)

Gregis pastor Tityrus
Anonym, aus Aquitanien

Programmgestaltung : Anne Azéma
Transkriptions und Verlag: Anne Azéma, Joel Cohen, Leo Treitler
Instrumental Partien : Robert Mealy, Kit Higginson, Margriet Tindemans
Dieses programm wurde für die Fa. Erato aufgenommen
CD.Nr 3484-25503-2


Shira Kammen, Laurence Brisset, Catherine Jousselin, Anne Azéma, Pasquale
Mourey, Anneliese Coene and Margriet Tindemans in the Cloister of The Abbey
of St Guilhem le Désert, France, where this CD was taped.

PROGRAM NOTES

"So manche Geschichte weiß ich zu erzählen - von Merlin, von Artus' Tod, von
Tristan und Isolde, den beiden Liebenden ... Doch ihr Herren, ich kann auch
in der heiligen Kirche musizieren: zu Sanctus und Agnus im Kontrapunkt die
dritte Stimme (das Triplum) singen und das Saeculorum anstimmen ... Und ich
verstehe mich auf meine Kunst: schöne Lieder, gut Verse, Pastourellen,
Retrouenges und Tänze ... Menschen aller Herkunft sind mir dankbar ... Hilf
mir, Gott, Taten zu vollbringen, die mir am Tag des jüngsten Gerichts zu
ewigem Heil gereichen".

Diese Kostprobe aus der Talentliste des Pierre de Corbiac (Lo tezaurs)
vermittelt uns einen Einblick in das Repertoire der Ménestrels bzw.
Troubadoure. Erzählende Mimen, Musiker, Poeten, Possenreißer und
Stehgreifdichter, waren sie für die unterschiedlichsten Kreise tätig,
angefangen bei den Liebeshöfen als Zentren höfischer Minne bis zur Kirche.
Das vorliegende Programm trägt dieser Vielfalt Rechnung und versucht, mit
seiner Auswahl von Texten und Musik das Repertoire der damaligen Ménestrels
nachzuempfinden. Keines dieser Stücke gehört zur offiziellen Liturgie der
Gottesdienste. Alle stellen jedoch das Verhältnis des Menschen zu Gott und
zum eigenen Schicksal in den Mittelpunkt.

In dem Zeitraum, der uns hier interessiert (vom Ende des elften bis zum
dreizehnten Jahrhundert) fand im Leben der Menschen ein tiefgreifender
Umbruch statt. Und dies in allen Bereichen: nicht nur in wirtschaftlicher
sondern auch literarischer und musikalischer Hinsicht. Die heute als
"Südfrankreich" bezeichnete Region hieß damals "Poenza" (Provence) und war
ein Schmelztiegel der Kulturen, der die Beziehungen zwischen Mann und Frau,
zwischen dem Menschen und seinem Gott, dauerhaft verändern sollte. Die
Troubadoure besangen in unterschiedlichen Registern und in der sogenannten
"Vulgärsprache" (im modernen Sprachgebrauch als Okzitanisch bezeichnet), ihre
Liebe zur hochgestellten und unerreichbaren Dame, gleichermaßen Geliebte und
Freundin, ehrfurchtsgebietend und verehrt. Einen Teil ihres Repertoires
widmeten sie aber auch dem Einem, ebenso fernen und unerreichbaren Geliebten
und Freund, der furchtgebietend und gefürchtet war und als unerbittlicher
Richter und personifizierte Liebe über allen thronte: Jesus Christus.
Erstmals in der Geschichte der nicht-lateinischen Literatur und der
westlichen Musik stellt sich das Talent der größten Dichter in den Dienst
christlichen Lobpreises und verdeutlicht die Furcht des Menschen angesichts
seines ungewissen Schicksals. Das hier vorgestellte musikalische Repertoire
wird dabei zweifellos von der Erneuerung und Gründung geistlicher Orden
ebenso nachhaltig geprägt wie von der zunehmenden Teilnahme der Laien am
kirchlichen Leben und dem Aufkommen zahlreicher reformatorischer Bewegungen.
Letztere brachten eine Neubesinnung auf die Person Christi und die Bedeutung
des Kreuzes mit sich: Dels quatre caps ist hierfür ein beredtes Beispiel. Am
Kreuz zeigt Christus die besondere Form seiner Macht und wird für den, der
sich "aufmacht, ihn zu suchen", zum Born der Weisheit. Jeder, der sich in der
Nähe des Kreuzes aufhält, ist deshalb "am rechten Ort". Als ebenso
segensreich gilt die Stunde der Morgendämmerung. Ar levatz sus bezieht sich
auf die Morgenröte (alba) in spirituellem Sinne. Der Text arbeitet dabei den
Gegensatz zwischen Helligkeit und Nacht heraus: Gott wird als Tag
dargestellt, während Maria "Königin und barmherzige Mutter" als
Morgendämmerung die Welt erleuchtet. Traditionell erscheint in anderen
Gedichten der Troubadoure mit der Morgenröte der eifersüchtige Rivale. Sie
bedeutet also die Trennung der ehebrecherischen Liebenden, die unter dem
Mantel der Nacht vereint waren. Hier jedoch kündet dieselbe Morgenröte "den
großen Allmächtigen" an, "der das Licht in die Welt tragen will". Sie
leuchtet all denen, die "frei und höfisch" und "aus eigenem Antrieb" jener
Dame dienen, die den Ihren Schutz und Leitung gewährt und sie von der Nacht
fernhält.

Diese neue Morgenröte hat jedoch Konsequenzen. Vor ihrem heilbringenden
Erscheinen kündeten Prophezeiungen über das Ende Welt von einem grausamen
Morgen, der einen erbarmungslosen Ritter mit sich bringen würde. Eine solche
Schreckensvision, die in der hier besprochenen Region verbreitet war (so
stammt Audi homo wahrscheinlich aus Aniana im Languedoc) mußte Hoffnung und
Glauben an eine weniger furchtgebietende Inkarnation nach sich ziehen: die
der Jungfrau Maria als Trostspenderin und Mutter (Verbum Patris, Flore
vernans gratie) oder - inspiriert von der römischen Dichtung - die des
Schäfers Tityrus, der Gottes Last und dabei zugleich Freikauf und Erlösung
auf seinen Schultern trägt. Solche Prozessionsliederbücher und
paraliturgische Stücke (d.h. Stücke zu musikalischen Zwecken außerhalb der
eigentlichen Messe) gehen auf aquitanische Geistliche zurück.

Die reformatorische Neuerungsbewegung trat in unterschiedlichen Strömungen
zutage, darunter in Extremen, die Rom als "häretisch" bezeichnete. In einem
Klima echten Unbehagens angesichts der institutionalisierten Geistlichkeit
entstanden, belegen zwei unserer Stücke deutlich den empfundenen Zwiespalt:
die Rede Guilhem Figueiras, der für den Verrat Roms deutliche Worte findet
und das moralistische Gleichnis Peire Cardenals über die Lage der Welt und
das Ausgeschlossensein des Menschen von der Freundschaft Gottes - in diesem
Repertoire einer der frappierendsten Texte überhaupt. Selbst wenn wir heute
nicht feststellen können, ob diese Troubadoure tatsächlich an der Bewegung
der Katharer beteiligt waren (gegen die Rom im Jahre 1208 zum Kreuzzug
aufrief) sahen doch einige Kommentatoren in solchen Texten den spürbaren
Ausdruck eines von Rom und seinen Ausschreitungen abgespaltenen Glaubens.
Fest steht, daß ihr Weltbild auf historischen Tatsachen beruhte, etwa dem
Massaker von Béziers, das Rom mit Hilfe der Zisterzienser und ihres Abtes
Arnaud Amauri am 22. Juli 1209 veranlaßt hatte: "etz vos e Cistel/ qu'a
Bezers fesetz faire/Mout astranh mazel" ("und Ihr [Rom] und Citeaux , die Ihr
in Béziers ein so grausames Gemetzel verursacht habt").

Diese Spannungen wirkten sich bis auf ein benachbartes Repertoire aus: auf
die iberischen Cantigas de Santa Maria in galizischer Sprache, eine Sammlung
von Marienliedern, die König Alfons X., auch "der Weise" genannt, zwischen
1221 und 1284 zusammengetragen hatte. Hier besingt ein armer Troubadour die
Schandtaten des Grafen Simon von Montfort, des militärischen Anführers Roms
gegen die Vollkommenen (perfecti) oder Katharer, und wird dafür in den Kerker
geworfen. Die Jungfrau Maria jedoch sorgt für die Ihren; wer sie preist, wird
belohnt, und der Troubadour der Gascogne erlangt seine Freiheit zurück.

Nutzen wir die Gelegenheit, um - wie einst Spielleute und Gaukler - auf den
Spuren Pierre de Corbiacs zu wandeln. Unsere Musik schöpft dabei aus dem
gemeinsamen Erbe und uralten Gesangstraditionen, vermittelt durch die
Lehrmethoden des Mittelalters (Auswendiglernen, Improvisation und
Beherrschung der Rhetorik). Troubadoure, Ménestrels und Geistliche im
mittelalterlichen Okzitanien brachten in Gesang und Spiel ihre rege
Anteilnahme an den Geschehnissen ihrer Zeit zum Ausdruck. Zu ihren Themen
gehörte die Verderbtheit weltlicher Macht, die Angst vor Tod und jüngstem
Gericht ebenso wie das Heraufdämmern eines neuen Zeitalters, eines "hellen
und strahlenden Morgens".

Übersetzung: Almut Lenz-Konrad